Tiphaine

Label: Klanggalerie ‎(gg423)

01/ Sur ses ailes
02/ Les vagues à venir
03/ Dans l’air absent
04/ Il y a des lèvres et des yeux
05/ Au rythme d’un vent
06/ Les dimanches glissants
07/ Sous ses ailes

 

The album
“Tiphaine » is the new album by Denis Frajerman. It was composed for his wife’s 50th birthday and was conceived over a period of 2 years.

Frajerman used Arabic and Balkan rhythms and melodies as well as motifs from English and American minimalist music resulting in an album having a very lyrical aspect with moments of weightlessness, expectation and suspense.

It is perfect to listen in your bath!

Carole Deville : cello
Denis Frajerman : percussion, bass, Rbox,
Hélène Frissung : violin
Introduction and final N°8 is from Kolinda
Producer : Denis Frajerman
Mastering : Norscq
Artwork / Illustration : Jeremy Chinour (Rewind Ltd.)

En écoute « Au rythme d’un vent » (extrait)

 


Westzeit
Wir warten hier nicht nur auf das Christkind, sondern auch sehr gespannt auf den Jahreswechsel, denn kurz danach gibt’s was Neues vom BrazilElektroJazzerPopper LUCAS SANTANNA. « O Paraíso » (No Format) ist ein angenehmer Eklektizismus aus rumpelnden SampleBeats, BläserStößen, Vocoder-Spielereien, brasilinischen FolkloreFetzen, poppigen Synthie-tunes und vielem mehr. Darunter das mit Flavia Coelho als Gesangspartnerin intonierte,schick schackernde und ironie-satte « Muita Pose, Pouca Yoga » (was « Viel Pose, wenig Yoga » bedeutet), dem unvermittelt ein in Nouvelle Vague-Manier auf ein semi-akustisches Barkleidchen reduziertes « Fool On The Hill »-Cover folgt (hier säuselt Flore Benguigui an Santannas Seite). Gute Unterhaltung. 4
Die bieten – wenngleich mit ganz anderen Mitteln – auch The John-Pauls aus Austin (das man wahrscheinlich gar nicht ohne den Zusatz « /TX » bzw. « /Texas » schreiben darf). Deren « Bon Mots » (Aagoo) bewegen sich sehr lässig zwischen TrashPop, solidem CuntryRock(das frivole Buchstabenspiel durfte ich doch bei Bria klauen?) und ExperimentalSurf, jemand hat das mal sehr zutreffend mit « countrified 90s Sonic Youth » beschrieben. Nicht nur wegen des wundervollen (Anti)Gesangs von Mikila Zaorski sehr bezaubernd. 4
Mit dem FrickelMathRock, den die aus Bordeaux stammende Kapelle CHEVAL DE FRISE auf ihrem nun von einem Label mit dem schönen Namen « Computer Students™ » erstmals auf Vinyl (und Kassette) wiederveröffentlichten; ursprünglich im Jahr 2000 bei Sonore erschienenen « s/t »-Album – mit diesem FrickelMathRock also wird’s experimenteller. Auch wenn die mit z.T. ellenlangen, meist etwas kryptischen (und hoffentlich auch ein wenig ironisch gemeinten) Titeln wie z.B. « Les Canaux Sont Ouverts, Les Moustiques Meurent, Le Monstre Disparait », « Connexion Monstrueuse Entre Un Objet Et Son Image » oder auch « Douche Froide, Harmonium » versehenen Stücke sehr solide gespielt und durchaus auch komplex komponiert sind (wir reden hier immer noch von instrumentalem FrickelMathRock) – so wirklich und zwingend nötig ist das nicht. 3
Ebenso wenig übrigens wie « Ghibli » (Garrincha GOGO) von SAVANA FUNK. Der leicht krautige WorldRock des Trios ist durchsetzt (oder durchseucht?) von ProgFunk-Orgien und an mehr als einer Stelle auch einfach zu breit ausgerollt. Der einem Sahara-Wind entlehnte Titel erinnert mich übrigens an den gleichnamigen legendären Maserati aus den frühen 70ern (also aus der Zeit, in der ich mich noch für (Matchbox)Autos interessierte).3
Wesentlich konzentrierter und in sich stimmiger ist auch unfassbare 50 Jahre nach Erstveröffentlichung das nun von Bureau B neu aufgelegte zweite CLUSTER-Album. Schlicht « Cluster II » tituliert kulminiert hier der dronende RepetitionsWahnsinn von Hans-Joachim Roedelius und Dieter Moebius in einem elektronisch/akustischen Bacchanal, das die tragfähigen Momente der Idee « Krautrock » auf den Punkt bringt (inkl. dem mehr als 5minütigen schaurig-rituellen Elektronen »Georgel » und der nahtlos anschließenden KlimperJaulImproGroßtat « Nabitte »). Immer noch: ein Meisterwerk. 5
Das kann ich über « Silence Wore A Silver Coat » (Buback) noch(?) nicht sagen. So sehr ich STELLA SOMMER und ihre melancholisch-stolze Musik schon seit « Die Heiterkeit »-Tagen mag, hier zündet auch über die beachtliche Spielzeit von 75 Minuten (nochmal: noch?) nicht alles. Dabei sind natürlich einmal mehr sowohl Stimme wie Stimmung ganz bezaubernd – nur vielleicht etwas « too much »? Oder ich muss die Ruhe zwischen den Jahren für eine (und nochmal: noch?) intensivere Auseinandersetzung mit dieser CD nutzen und mich dann im Neuen Jahr revidieren und entschuldigen. Denn eigentlich macht Stella Sommer ja nie was falsch…3
BJÖRN MAGNUSSON geht auf seiner neuen CD « Nightclub Music & Ethereal Faith » (Specter Fix Press) sofort als Lou-Reed-sound-a-like durch. Kaltblütiger MinimalRock mit sentimentalen MelodieFetzen – ganz in der Tradition des Meisters (inkl eines netten Covers von Suicides « Ghost Rider »). 4
Wenn der Blues nach Griechenland kommt, fährt er mit der Metro. Wie das? Naja, der Gitarrist CHRISTIAN RONIG verliebte sich über verschlungene (Um)Weg in traditionelle griechische Musik, adaptierte diese für eine Gitarre-Bass-Schlagzeug-Umgebung und wurde damit in Griechenland zum Helden. Auf CD1 seines Doppelalbums « Heavy Seas At The Cape Of Good Hope »(Eigenverlag) erklingen zwischen Schnipseln von U-Bahn-Fahrgeräuschen, -Durchsagen und ähnlichen Seltsamkeiten ausschließlich Ronig-Stücke, wohingegen CD2 Interpretationen hellenischer Hits vorbehalten ist. Man kann es für Ressourcen-Verschwendung halten (mit 26:19 bzw. 17:50 Minuten Spielzeit hätte das Material auch locker auf einen Silberling gepasst) oder für eine künstlerische Notwendigkeit, musikalisch bewegt sich das Ganze jedenfalls im Dunstkreis nobler « Element Of Crime »-Tristesse mit etwas Country-Flair, viel Blues-Geschmack und einigen Ausrutschern in Richtung « handgemachte ehrliche Rockmusik ». Wobei CD2 bunter arrangiert ist und mir daher (auch wenn Ronig hier manchmal an seine stimmlich-interpretatorischen Grenzen gelangt) besser gefällt. 3
Heftig wird’s dann mit « Mother Universe » (Motor) von einer Band mit dem schaurig(schön?)en Namen MOLLLUST. Die sind in « Symphonic Metal »-Kreisen wohl recht bekannt, weil ich in solchen aber nicht unterwegs bin, habe ich mich diesem den 9 Planeten unseres Sonnensystems ( macht inkl. Pluto, Sonne und Mond zzgl. Ouvertüre und Epilog, jeweils natürlich « cosmic », insgesamt 11 tracks und eine gute Stunde Laufzeit) gewidmeten Konzeptalbum ganz unvoreingenommen genähert. Und siehe, das ist tatsächlich nicht schlecht, was die Jungs da der Leipziger Sopranistin Janika Groß an metallischem Geräuschhintergrund für deren stimmliche Höhenflüge hinzaubern. Anders als bei manch anderem dem sogenannten « Opera Metal » verpflichteten Projekt ist der Gesang hier nämlich sehr respektabel (Anspieltip: natürlich « Mars – The Game Is Over »). Und dass man mit Musik zu Venus, Jupiter & Co. Erfolge einfahren kann, wusste schließlich schon Gustav Holst (dessen op.32 ich auch mal wieder rauskramen muss). 4
Mit ÅRABROT bleiben wir bei den heftigeren GitarrenRiffs, wenn die Norweger z.B. Nancy Sinatras « Lightning’s Girl » covern, bleibt kein Auge trocken. Möglicherweise ist beim diesem Song vorangegangenen Orgel »Preludium » (in memoriam « Je t’aime ») sogar noch viel mehr feucht geworden. Daneben gibt’s auf der « Heart EP » (Pelagic) auch noch Interpretationen von T. Rex’ « Children Of The Revolution » (das verhältnismäßig dicht am Original bleibt) und der durch Ethel Azama bekannt gewordenen BarJazz-Nummer « Green Fire » sowie – eigentlich uncoverbar und hier doch gelungen – auch von Coil (« Going up » von deren Spätwerk « The Ape Of Naples »). Eine wirklich runde Sache, diese heart-shaped Single. 5
Dazu passt der wundervolle Lärm von MoE, die ich jüngst live im Berliner Schokoladen erleben durfte (Caspar Brötzmann zerrte da zeitweise als Gast an seiner Gitarre). Eine grandiose Messe aus kontrollierter Ekstase, die sich jetzt auch auf gleich zwei Kollaborations-Alben nachfühlen lässt. Einmal als MoE y ESCALANTES mit einem tatsächlichen « Saint Vitus Dance »: zunächst bei(m) « Auto Da Fé » noch etwas gebremst (doch voller roher Energie), später (bei « Bagpipes From Guanajuato » oder dem (schön!) quälend langen Titeltrack) voller SaxKrach von Martin Escalante und dessen Vater Oscar. Und dann gibt’s auch noch die gemeinsam mit den britischen NoisePunks von BRUXA MARIA eingespielte CD « Skinwalker »(beide Conradsounds) – voller « sich-auch-dann-noch-steigerndem-wenn-man-das-gar-nicht-mehr-für-möglich-hält-(Gitarren)Noise » wie ihn Merzbow seit Jahren zelebriert. « The Spirit Is Out »! Sagte ich schon « grandios » dazu? 5/5
Nun erholen wir uns erst mal ein wenig mit dem konzentrierten Ambient, dem der Italiener GIULIO ALDINUCCI auf der LP/MC « Real » (Karl) frönt. So wie es sein soll, wird hier aber nicht mit reinem elektronischen SynthFlächenSchönKlang eingelullt, sondern der SoundSuppe immer auch ein wenig kaum merkliche, jene aber angenehm würzende Schärfe beigegeben. 4
Im Rahmen einer alchimistischen Performance inszenierten Aldinuccis Landsleute von LARSEN gemeinsam mit ALESSANDRO SCIARAFFA (verantwortlich für « aurora recordings » und « sound totems ») über 4 Stunden lang eine düstere KlangSkulptur aus GitarrenSounds, Gongs, ModularSynths, E-Viola, Akkordeon und mehr, die von Paul Beauchamp zu den beiden langen tracks editiert wurden, die nun als « Golden Leaf » (Important) veröffentlicht werden. Ritueller Ambient, zu dem seinerzeit dem Publikum in einer « secret location » in Turin wohl auch « exclusice food creations » gereicht wurden. 4
Nach zwei ebenfalls einem eher atmosphärischen KlangIdeal verplichteten Stücken entwickelt sich « Flow » (Parenthèses) vom koreanisch-französischen 2er KEDA zu einem Dualismus aus strenger Etüde für Geomungo (eine koreanische Zither-Form) solo und dem abschließenden gemeinsamen Flug auf elektronischen (beat)Schwingen. Für letztere ist hier der uns nicht unvertraute SoundArtist Mathias Delplanque zuständig. 4
Dass sich auch PHILIPPE PETIT ruhigen Herzens den Titel « SoundArtist » auf die Visitenkarte drucken lassen darf, stellt er mit « A Reassuring Elsewhere, Chapter 1 » (Oscillations) mal wieder eindrucksvoll unter Beweis. Ein Kaleidoskop aus Klang, dessen Ursprünge das Ohr eine Weile lang erfolglos auszumachen versucht. Was aber weder sinnvoll noch notwendig ist – besser sollte man sich diesem auch an klassischer ElektroAkustik geschulten TonPuzzle einfach nur hingeben. 4
Ein anderer Großer der anspruchsvollen semi-akademischen KlangAnOrdnung ist DENIS FRAJERMAN, der bei « Tiphaine » neben diversen Elektronika vor allem auf mal energische, mal sehnsuchtsvolle Streicher (Cello: Carole Deville, Geige: Hélène Frissung) setzt. 4
Etwas enttäuscht war ich hingegen vom großartigen STEVEN BROWN (of Tuxedomoon-fame) aus den ursprünglich nur für die Sessions zu einer Filmmusik engagierten Musikern schließlich doch zu einer « richtigen » Band geformten ENSAMBLE KAFKA, das auf seiner gleichnamigen CD (beide Klanggalerie) insgesamt weniger wegen der am Ende doch recht beliebigen Musik (eine Art Mixtur aus mexikanischen roots, US-Minimal-Music und diversen SpielFormen avancierter BläserKunst) als wegen der eigenartigen Schreibweise des Bandnamens im Gedächtnis bleibt. 3
Das Schweizer ElektroPaar BITTER MOON traf sich für « Berliner Kinder » (BlauBlau) in einer Berliner Wohnung mit seinen beiden Landsleuten Aloys Christinat und Matthew Franklin aka. AFTER 5:08 zum gemeinsamen produzieren. So entstanden 6 seltsame, zwischen Ambient und SynthPop schwankende (beinahe) instrumentals (Réka Csiszér setzt ihre Stimme selten, aber dann sehr gut ein), über die die vier selbst Folgendes sagen: « Second takes discarded in favour of first takes, a filter set to cut everything above 6 kHz, and things suddenly began to reflect the state we were in. » Fein! 4
THIS IMMORTAL COIL kann man als eine Art Avantgarde-SuperGroup verstehen, schließlich fanden sich dort Anfangs (d.h. so um 2009 herum) Yaël Naim, Bonnie Prince Billy, Matt Elliott, Yann Tiersen, DAAU, Christine Ott, Oktopus de Dälek undSylvain Chauveau zusammen, um der Musik von Coil zu huldigen. Für das aktuelle Werk « The World Ended A Long Time Ago » (Ici d’ailleurs), in unterschiedlicher Opulenz als 2LP/CD oder gar 5LP/3CD erscheinend (eine Bonus-EP namens « Twisted by Love » gibt’s obendrein), stehen auf der Besetzungsliste die Namen Eric Aldéa (Zëro), Aidan Baker (Nadja), Elisa Bognetti, Francesco Bolognini (Permanent Fatal Error), David Chalmin, Ivan Chiossone (Zëro), Mattia Cipolli, Gaspar Claus, Márton Csókás, Matt Elliott, Ole Alexander Halstensgård (Ulver), Franck Laurino (Zëro), Stefano Michelotti (Zü), Christine Ott, Massimo Pupillo (Zü), Kristoffer Rygg (Ulver), Aho Ssan, Stian Westerhus (Ulver) und Shannon Wright. Es reicht also von Barock-Hornistin über AvantRock-Gitarrist bis zu drone-Artisten, Black-Metal-Göttern und einer « ondes Martenot »-Virtuosin – vielfältiger geht es wohl kaum, wenn man den Geist von Coil beschwören will. Mit dem lamentierenden Gesang zu orchestralem DunkelMinimalismus wirkt das tönende Ergebnis für mich einmal mehr wie eine Gruft-Version von Tuxedomoon (Blaine L. Reiniger oder Steven Brown könnten TIC sicher interessante Impulse geben). Und eine Gruft-Version von Tuxedomoon ist etwas durchaus Schönes. 4
Mal was anderes: Hinter dem für die CD « World. Wide. Wig. » (Himpsl) verantwortlichen gleichnamigen Projekt steckt der großartige Perkussionist Ludwig Himpsl, Liebhabern vom Familienunternehmen Unterbiberger Hofmusikbekannt. Und WORLD. WIDE. WIG. ist genau so bunt und facettenreich wie die Hofmusik, durch die Mitwirkung von Marja Burchard (Tochter von Embryo-Gründer Christian Burchard und seit längerem auch Mitglied der KrautJazzWeltmusikPioniere) am Vibraphon oder einer speziell konstruierten Viertelton-Marimba, demsyrischen Oudvirtuosen Abathar Kmash. Posaunist Mathias Götz (bekannt u.a. vom Alien Ensemble und der Hochzeitskapelle) und vielen anderen kommen sogar noch einige Schattierungen mehr hinzu. Entstanden sind die bei aller Verspieltheit hoch seriösen Kompositionen im Rahmen des Münchner Musikstipendiums, wobei die authentische Anwendung von KlangTraditionen unterschiedlichster Länder das Ziel war. Manchmal ein wenig zu « ausgedacht » und makellos, aber von höchster handwerklicher Qualität, das Ganze. 3
Eine andere Form der Folklore-Be- und/oder Auf-Arbeitung betreibt TULEJE. Denn auch wenn sich das polnische Trio auf « Ciche Miejsca » (Gusstaff) sehr an traditionellen Muster orientiert (alle 8 Stücke basieren auf Volksliedern aus Zentralpolen), ist die Umsetzung durchaus « heutig ». Der stoische Kontrabass formt – ob gestrichen, gezupft oder gerissen – einen soliden Grund, dazu erklingt eine mal herrlich holpernde, mal wunderbar penetrante (« Wisnia »!) und insgesamt sehr facettenreiche Perkussion, die gelegentlich auch Trance-Prinzipien zitiert. Der Gesang von Gosia Zagajewska wird bei einigen Stücken von ihren beiden männlichen Kollegen ergänzt und/oder kontrastiert – die stimmliche Performance bleibt dabei immer irgendwo zwischen « typisch OsteuropaFolk » und schamanistisch. « Stille Orte » (so könnte man den CD-Titel wohl übersetzen) sind das hier durchaus, aber wie bei den sprichwörtlichen stillenWassern verbirgt sich auch da unter der Oberfläche vielerlei Seltsames. 4
Gleich noch was mit Polen-Bezug, wenn auch musikalisch wo ganz anders unterwegs: Ich weiß noch genau, wie einigermaßen enttäuscht ich war, als ich um 1993 herum MONA MURs nach langer Suche endlich in einem verranzten Plattenladen für eine mir seinerzeit angemessen erscheinende Summe erstandene « Jeszcze Polska »-Maxi anhörte und die Begeisterung meines Umfelds über diese stark an Malaria orientierte, die Genialität von Gudrun Gut und Bettina Köster hier aber eben doch nicht erreichende 12″ nicht wirklich zu teilen vermochte. Nun erscheinen die Aufnahmen, die zwischen ebendieser Maxi und der ersten (nach diversen Umbesetzungen bzw. gar Neugründungen erst 1988 erschienenen) LP in den Jahren ’84 bis ’86 entstanden, aber bisher nie veröffentlicht wurden unter dem Titel « The Original Band (1984-86) » via Play Loud! Productions. Dazu gibt’s mit « The Original Band Live at NDR (1985) » und « Live at K44 Berlin (2005) » zwei weitere Schätzchen, ebenfalls « Vinyl only ». Die Liveaufnahmen finde ich – trotz der 20 Jahre, die dazwischen liegen – gleichermaßen kraftvoll und packend, die Studioaufnahmen wirken hingegen schlechter gealtert. Da fehlt (mir) (immer noch) ein wenig Stringenz und Biss. In jedem Fall sind die Brecht-Interpretationen (vom oft gehörten, hier aber in jeder Fassung gelungenen « Surabaya Johnny » und « Die Ballade vom ertrunkenen Mädchen » bis zu « Der Song von Mandelay ») immer noch sehr beeindruckend. 3/4/5

African Paper

Mit seinem neuen Album hat der Komponist Denis Frajerman seiner Frau Tiphaine, die bereits als Vokalistin an seinen Produktionen mitgewirkt hat, ein besonderes Geschenk zu ihrem fünfzigsten Geburtstag gemacht. Eine ebenso große Freude macht der ehemalige Palo Alto-Musiker damit seinem hoffentlich wachsenden Publikum, denn “Tiphaine” offenbart trotz seines persönlichen Charakters vieles, das hier bereits als “Panorama zwischen Kammermusik […] und cinematischer, leicht orientalisch angehauchter Musik” mit Spuren einer surreal anmutenden Exzentrik gefeiert wurde.
“Tiphaine” offenbart ein auf subtile Art vielschichtiges Stimmungsgemisch, das irgendwo in dem weiten Feld zwischen Spannung und einer gewissen Wehmut seinen Ort sucht und auf ganz reizvolle Art nie wirklich festzulegen bereit ist. Die Sammlung ist gerahmt von dem hochtönenden “Sur les Ailes”, dessen melodramatische Violinparts eine feierliche Ernsthaftigkeit betonen. Doch hat dieser Auftakt auch eine gewisse Schrillheit, die das ganze nicht zu schöngeistig wirken lässt, und irgendwann kommt sowieso eine aufwühlende Dramatik ins Bild, die jeder allzu friedvollen Besinnlichkeit eine Absage erteilt.
Dieses leicht Episodische, das innerhalb der einzelnen Stücke immer mal Tempo, Instrumenierung und Stimmung verändert, ist ein weiteres Merkmal der Musik. So variiert “Les Vagues à Venir”, das mit einem Tusch und bassunterlegten exotischen Rasseln beginnt zwischen (post-)punkiger Weltmusik und einem imaginären Filmscore dank melancholisch anmutender und leicht orientalisierender Streicherparts, deren Wehmut sich auf wundersame Weise mit einem hypnotisierenden Groove verträgt. Der Wechsel zwischen dem dunklen Pathos tieftönender Celloparts, aufwühlender Entgrenzungen und den Ornamenten einer lamentierenden Violine macht “Dans L’Air Absent” zu einem interessanten Narrativ, zu dem das kurze Interludium “Il y a des lèvres et des yeux”, bei dem schnell aufeinander folgende Töne mit beinahe orchestraler Wucht nach nach vorn preschen.
Immer wieder ereignen sich Momente starker Spannung, bei denen gerne in die Schatzliste filmisch-theatralischer Formen gegriffen wird. So erinnert “Au rythme d’un vent” mit seinen expressiven Geigen, seinen Rasseln und der pochenden Perkussion fast an einen leicht osteuropäisch angehauchten eurowestern mit Morricone-Soundtrack erinnerrt. Dabei lebt die Spannung auch sehr stark davon, das in den repetitiven Mustern nichts so monoton ist, wie es vordergründing scheint und immer wieder kleine Unregelmäßigkeiten ihren Raum haben. Schon deshab wird man nicht ganz “kalt erwischt”, wenn sich irgendwann ein weiterer, ganz anderer Rhythmus hinters Bild schiebt und einen Szenenwechsel einleitet.
Ein letzter Höhepunkt, bevor das Album mit einer kürzeren Version von “Sur ses Ailes” zyklisch endet, ist “Les dimanches glissants”, das wie ein höfischer Tanz aus einer unbekannten Tradition beginnt und nach und nach in ein Narrativ überleitet, in dem alle melancholischen, spannenden, exotisierenden, aufwühlenden Momente, die “Tiphaine” ausmachen, noch einmal auf die Bühe kommen, um sich gebührend zu verneigen. (U.S.) (Nov. 2022).